Meine Erzählungen, Romane und andere Texte

Milch und Blut


ISBN3- 926092-03-3

K.H. Schmitz Verlag 1084

Nicht mehr lieferbar. Nur noch Antiquariat. Neuauflage ist geplant-

Die Streife

 

 

Es regnete. Dunkle Wolken zogen über den Rhein. Da sahen wir voraus eine Frau. Blond. Langes, blondes Haar. Mit kleinen, unsicheren Schritten hastete sie über den Gehweg. Die Wolken wurden dichter, dunkler. Es begann zu regnen.

   „Es hagelt“, sagte ich. Es hagelte wirklich. Heftig schlug das Eis auf die Panzerung des Spähwagens, auf Gerlachs Kopf, bis er gezwungen war, den Fahrersitz abzusenken und die Luke zu schließen. Die Luke zu schließen. Es wurde dunkel. Das Licht der Scheinwerfer ertrank im Regen.

   „Vielleicht sollten wir sie mitnehmen“, sagte Gerlach. Drau­ßen gab es keinen Unterschlupf, weder einen Baum, noch einen Strauch. Kein schützendes Dach. Durch den Sehschlitz sah ich sie weitergehen. Es machte nicht den Eindruck, als suchte sie Schutz. In der Ferne blitzte es. Gerlach steuerte den Panzer auf ihre Höhe. Der Motor brummte beruhigend und warme Luft drang aus der Heizung. Das Trommeln des Hagels wurde hefti­ger. Durch einen der Sehschlitze sah ich, daß sie ihr Gesicht mit den Händen zu schützen versuchte.

   „Wir müssen ihr helfen“, sagte ich, „sie wird Schmerzen ha­ben.“ Ich zwängte mich in den Turm und öffnete die Luke. Der Wind fauchte um meinen Kopf und zerrte an meinem Overall. Der Hagel peitschte mir ins Gesicht, tanzte auf dem Stahl. Der Mond, plötzlich sah ich den Mond!

   „Kommen sie, um Gottes Willen, kommen sie!“, rief ich. Ihr Gesicht war blutüberströmt. An der Stirn hatte sie eine klaf­fende Wunde, aus der dickes, dunkles Blut quoll.

   „Steigen sie zu uns, wir bringen sie zu einem Arzt.“ Der Achtzylinder fauchte heiser. Gerlach beschleunigte, fuhr zur Seite und ließ einen schwarzen Ford Transit passieren, der mit absterbendem Scheinwerferlicht in einer Auffahrt verschwand. Auf dem Rhein trieb ein Schwan, ein pechschwarzer Schwan. Dunkle Wellen sprangen um seinen Körper. Eisiger Schwan! Als mein Blick sie suchte, war sie verschwunden. Es ist doch Sommer, dachte ich. Zum Teufel! Es müßte schönes Wetter sein. Auf dem Fluß ertönte ein Nebelhorn. Ein zweites antwor­tete dunkel, ohne daß ein Schiff zu sehen war.

   „Dreh doch!“, rief ich, „dreh! Wir müssen sie finden!“ Der Panzer fuhr einen engen Bogen. Das Heck sprang über ein tiefes Schlagloch. Es schwenkte drohend und gewalttätig. - Blutphan­tasien! Die alten Spuren immer zurück! -

   Das Tor zur Einfahrt stand weit offen. Es war das einzige Haus weit und breit, ansonsten ringsumher: Güterhallen, Park­plätze für den Warenumschlag. Der Panzer stand in der Auf­fahrt wie ein urweltliches Raubtier. Wir sprangen zu Boden. Der Weg war asphaltiert. An beiden Seiten standen entlaubte Pappeln. Das Haus war eine Spur zu düster, umgeben von un­erbittlichem Schweigen. Zwei Erker. Zwiebeltürme, große, ge­schwungene Fenster ohne Gardinen. Vor der Tür stand der Ford Transit. Der Hagel hatte Dellen in das Blech geschlagen: unzäh­lige Dellen. Das Blech war kraterübersät! Wir betraten das Haus durch den Nebeneingang.

   „Hallo!“, rief Gerlach. „Ist da jemand?“ Zwischen wertvollen Polstermöbeln stand ein Spinett. Vor kurzem hatte jemand ge­spielt. Ein Notenbuch lag aufgeschlagen auf dem Holz. Ir­gendwo tickte ein Uhr.

   „Hallo!“, rief ich. „Melden sie sich!“ Die Stille stürzte aus den weißgetünchten Wänden. Das Bild eines kleinen Kindes hing über der Tür. Im Nebenraum fanden wir einen erkalteten Ka­min.

   „Wo mag sie sein?“, fragte Gerlach. Wir nahmen die Dienstwaffen aus den Holstern und machten uns wichtig. Das hier war fremdes Terrain. Im Badezimmer fanden wir einen Papagei. Jemand hatte ihm den Kopf von den Schultern geschossen. Die Flügel waren mit Nägeln an die Wand geschlagen: ein gefiederter Heiland! Ein Herz aus Blut war an die Wand gemalt worden. Über dem Badewannenrand lag die erste Katze. Jemand hatte ihr mit einer Axt den Schädel gespalten. Das Hirn lag am Boden. Es pulsierte noch, als hätte es noch nicht begriffen. Bis auf das Plätschern des Blutes war es vollkommen still. Wir spannten die Hähne unserer Pistolen und sprangen von Türrahmen zu Türrahmen, wie wir es in drittklassigen Filmen gesehen hatten. Schließlich fanden wir sie. Sie hing im Fensterkreuz und zap­pelte mit den Beinen; langen, schlanken Beinen. Ihr Rock war hochgerutscht. Er war zerrissen und man sah das weiße Fleisch. Am Himmel zeigte sich ein Silberstreifen.

   „Schneiden wir sie los“, sagte ich bedrückt. Es war dunkel im Zimmer. Ein eisiger Wind blies durch das offene Fenster. Ich kletterte auf die Fensterbank und stand ihr Auge in Auge ge­genüber. Als Gerlach sie losschnitt, fiel sie mit einem weichen Geräusch in meine Arme: Asche zu Asche, Staub zu Staub! Als wir das Haus verließen, war der Ford Transit verschwunden.

   Tage später fand man ihn am Rheinufer. Auf der Rückbank lag die zweite Katze mit aufgeschlitztem Bauch. Sie hatte ge­tragen. Ihre Jungen lebten. Sie lagen maunzend am Boden. Sie hatten vom Blut ihrer Mutter getrunken.

 

Schatten

 

Der Wind frischte auf. Gerlach rief, daß ich herüberkommen sollte. Der Panzer stand wie ein klobiges Insekt vor den hellen Fassaden liebevoll umpflanzter Einfamilienhäuser. Neben Ger­lach angekommen, konnte ich erkennen, daß aus einem Flieder­busch am Fuße des Abhangs ein menschliches Bein ragte. Der Sturm peitschte einen Schwall Regen in unsere Gesichter.

   „Wir müssen da runter“, sagte Gerlach und machte sich an den Abstieg. Am Himmel türmten sich drohende Wolken. Vor­sichtig folgte ich ihm über den lehmigen Abhang. Unbehagen hatte mich ergriffen. Als wir das Gebüsch erreichten, strich ein Vogel lautlos gegen den düsteren Himmel. Es war tatsächlich das Bein eines Menschen, zerbrechlich wie ein Ast. Ameisen liefen zwischen den Zehen des Fußes.

   „Der liegt schon länger hier“, sagte Gerlach. Der Wind ließ uns nur die Ahnung eines süßlichen, modrigen Geruchs. Ein unauffälliges Kitzeln in der Nase, kaum ausreichend, eine Frage in die Verläßlichkeit des Raumes zu stellen.

   „Scheiße!“, sagte ich. Begleitet vom dumpfen Grollen des Donners, jagte ein Blitz über den Himmel. Das Unwetter kam näher. Während Gerlach suchend das Gebüsch umrundete, nahm ich mir eine Zigarette und rauchte. Das Laub tanzte unter dem Ansturm des Windes, bog sich vor, zurück, drängte zur Seite, gab aber den Blick nicht frei. Als Gerlach wiederkam, standen wir eine Weile schweigend und betrachteten den blü­henden Busch, der ein Schweigen barg, ein beunruhigendes Schweigen in dem gewohnt beiläufigen Murmeln der letzten Spätdienststreife des Tages.

   „Wir sollten die Leitstelle informieren“, sagte ich. Gerlach nickte. Wie mochte unser stummer Nachbar aussehen? Lag er verkrümmt, im Entsetzen der letzten Sekunden gefangen, um­klammerten seine Fäuste das letzte, gesehene Gras? Es war nur ein Schatten, der uns beunruhigte, die dumpfe Ahnung einer Endgültigkeit von der uns nur wenige Meter trennte. Ich sah zu Gerlach herüber. Unsere Blicke trafen sich. Ein Blitz beleuch­tete sein Gesicht, zeigte es in seiner zerbrechlichen Lebendig­keit, in seiner Furcht und Hoffnung. Als das gespendete Licht erlosch, versank Gerlachs Gesicht für mich in der Dunkelheit, in der Nacht.

   „Ich denke, wir sollten gehen“, sagte Gerlach und schnippte seine Zigarette zur Seite. Wir warfen einen scheuen Blick zu­rück und stiegen zur Straße hinauf. Der Panzer bot Schutz ge­gen das Unwetter. Wir sprachen über Funk mit der Leitstelle und warteten auf das Eintreffen der Kriminalpolizei. Als man die Leiche aus ihrem Versteck befreite, scherzte man miteinander. Von Nahem wirkte sie wie ein Puppe. Sie hätte unbemerkt in der Auslage eines Geschäfts stehen können. Die Haut hatte sich wie Pergament um die Knochen gefaltet. Die Augenhöhlen schienen nach einer romantischen Beleuchtung zu verlangen. Neben der Leiche fand man eine geleerte Flasche Weinbrand und ein Döschen Valium. Alles schien mir plötzlich weniger beunruhigend. Ich kannte die Ursachen. Heute noch erinnere ich mich an die Marke des Weinbrands und weiß, daß Valium einen Menschen töten kann. An den Toten erinnere ich mich wie an ein Gespenst aus einem Traum. Etwas sehr Fremdartiges ver­binde ich mit dieser Erinnerung. Ich höre noch den ausgedörrten Körper wie Laub knistern, als man ihn anhob, um ihn in den Blechsarg zu legen. Ich fürchtete damals, er würde zerbrechen. Er erschien mir wie ein dürrer Ast, über den ich steigen mußte, um meinen Weg fortzusetzen. Ich hatte damals viele Ziele vor Augen, die ich erreichen wollte, möglichst erfolgreich, mög­lichst auf Wegen, die ich kannte.

 

Gefährten der Reise


ISBN 3-934917-07-0

Friedrich Haller Verlag

Lieferbar im Buchhandel

 

Die Wiederkehr

 

Nichts ist erschreckender als verborgene Wünsche und Ängste, die aus den Tiefen des Unbewussten aufsteigen und in der Wirklichkeit Gestalt annehmen. Sensible Menschen wissen von merkwürdigen Begegnungen mit den Schatten ihrer Träume zu berichten. Ich blieb immer empfänglich für abgründige Stimmungen, die andere, stumpfere, Menschen nicht einmal bemerken. In den Vergangenheiten, die wir wie einen unzerstörbaren Besitz betrachten und die uns eine gemeinsame Welt sind, ist alles fein säuberlich gefügt und man kann sich Beruhigung verschaffen, indem man auf Statistiken verweist. Aber wenn uns das UNHEIMLICHE begegnet, dann ist jede Statistik entlarvt als ein unbedeutendes Fantasieprodukt.

 

Ich hatte M. seit Jahren nicht mehr gesehen. Eines Tages traf ich ihn auf einer Nostalgieparty, die eine gemeinsame Bekannte gab. M. war blass und wirkte krank und verwirrt. Man sah ihm an, dass er sich nur noch selten in der Gesellschaft anderer Menschen bewegte. Im Laufe des Abends kamen wir ins Gespräch und ich fragte ihn, warum er so bedrückt wirke.

„Glaubst Du an Wiedergeburt“, erwiderte er. „Ich meine, glaubst Du, dass sich die Seele eines Verstorbenen getrieben von unstillbarer Sehnsucht nach einem anderen Menschen reinkarnieren kann. Ich muss Dir von einem Ereignis erzählen, das so merkwürdig und bedrückend für mich ist, dass ich seitdem keinen Frieden mehr finde. Es ist ein Wunder, dass ich noch am Leben bin. Vor zehn Jahren, glaube ich, haben wir beide uns das letzte Mal gesehen. Inzwischen ist selbstverständlich allerhand geschehen und ich, ebenso wie die meisten hier, habe in der Zwischenzeit geheiratet. Leider ist meine Frau; ihr Name war Adele, vor gut einem Jahr gestorben. Sie war meine große Liebe. Wir wollten eine Familie gründen, doch Kinder bekamen wir nicht. Aber das machte nichts. Wir liebten uns, eben weil wir spürten, dass es uns nicht vergönnt war, in  Kindern weiter leben zu dürfen. Wir verbrachten jede freie Minute miteinander. Wir waren uns alles und ich war viele Jahre lang der glücklichste Mensch, den man sich denken kann. Doch vor gut einem Jahr erkrankte Adele. Sie begann zu husten, anfänglich kaum beachtet, inmitten all unserer Pläne. Doch dann war die Krankheit immer weniger zu übersehen. In Adeles Gesicht zeigten sich Schatten des Todes. Die Augen sanken tief in die Höhlen. Eine fahle Blässe legte sich auf ihre Züge und der Husten wurde immer schlimmer. Die Ärzte eröffneten uns schließlich, dass Adele unheilbar an Krebs erkrankt war und dass ihr nur noch wenige Wochen blieben. Wir waren verzweifelt. Doch dann beschlossen wir, noch einmal gemeinsam nach Spanien zu fahren, wo wir ein Appartement besaßen. Wir kamen nur bis Südfrankreich. Dann wurden ihre Erstickungsanfälle so schlimm, dass an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken war. Wir nahmen uns ein kleines Zimmer in einem Bauernhaus am Rande eines der kleinen Dörfer.

Ein letztes Mal waren wir allein. Ihr Zustand verschlechterte sich rasch, aber sie weigerte sich, einen Arzt zu empfangen. Sie duldete nur mich in ihrer Nähe. Ich war gezwungen zuzusehen, wie ihr Leben verfiel. Niemals habe ich mich verzweifelter und ohnmächtiger gefühlt. „Ohne dich kann und will ich nicht leben“, dachte ich, stammelte ich, schrie ich heraus. Wir waren uns so nahe. Unsere Blicke ruhten ineinander, unsere Seelen verschmolzen…Dann kam der Tod.

„Ich werde versuchen, zu dir zurück zu kehren“, hauchte sie mit letzter Kraft. Es war eine solche Verzweiflung, eine solche ohnmächtige Wut in mir in diesem Moment…was glaubst du, kann eine solche Kraft bewirken? Wir klammerten uns verzweifelt aneinander, aber der Tod zog sie aus meinen Armen in die Einsamkeit, die er allein verwaltet. Sie rang noch zwei Stunden mit dem Todesengel, der ihr zärtlich wie eine Katze Stück um Stück das Leben aus dem Körper trieb. Schließlich hatte der Tod genug von seinem Spiel und brach ihrer Lebenskraft das Genick.

Wie kalt ihr Körper war, wie seelenleer und weiter nichts. Ich küsste das kalte Etwas, das eben noch meine größte Liebe gewesen war, mein Alles, mein Leben. Drei Tage soll die Seele im Körper verweilen. Aber da war nichts, was meine feinen und überfeinen Sinne noch an Anwesenheit spürten. Nur der hohnlachende Herr des Lebens grüßte herüber und murmelte: Bald auch du!

Adeles Leichnam wurde nach Deutschland überführt. Als die Erde auf dem Friedhof auf Adeles Sarg geschaufelt wurde, brach mein Herz. Einsamkeit umgab mich wie ein kalter Nebel. Eine Zeit der Qual begann. Dann, wie von Dämonen getrieben, fuhr ich los, den Ort aufzusuchen, an dem Adele gestorben war. Gegen zwei Uhr morgens erreichte ich das alte aus grobem Stein gefügte Bauernhaus. Es war inzwischen nicht mehr bewohnt und stand offensichtlich zum Verkauf.

Es war ja mitten in der Nacht, niemand war mehr unterwegs und ich brauchte einen Ort, an dem ich schlafen konnte. Was lag also näher, als sich Zugang zu dem Haus zu verschaffen, in dem ich Adele das letzte Mal gesehen hatte. Ich hebelte die Tür auf und betrat das Haus. Im Innern herrschte eine tiefe, verzweifelte Einsamkeit. Trauer schnürte mir augenblicklich die Kehle zu. Ich floh zurück nach draußen und setzte mich auf die verwitterte Bank neben der Haustür. Grillen zirpten. Ein sanfter Wind strich durch die Kronen der Bäume. Der Mond spendete ein kaltes, silbernes Licht. In diesem Moment spürte ich, dass ich nicht mehr alleine war. Als ich meinen Kopf wendete, sah ich, kaum zwei Meter von mir entfernt, einen ungeheuren, pechschwarzen Kater sitzen, der mich aus großen, in der Dunkelheit glitzernden Augen betrachtete.

Es war etwas Beunruhigendes an diesem Tier. Zweifellos war eine Wildkatze in seinen Stammbaum geraten. Es war ungewöhnlich groß, der Kopf war buschig, der Schwanz war es auch. Es saß dort und wirkte kraftvoll und böse. Ich warf einen Stein nach ihm. Es wich  einige Schritte zurück und setzte sich dann still und majestätisch, um mich weiter zu belauern. Jetzt erst bemerkte ich, dass im Hintergrund eine zweite Katze wartete. Es war ein schlankes, schwarzweißes Tier, das maunzend hin und her strich. Offensichtlich wollte es zu mir, aber sobald es Anstalten machte, fauchte der schwarze Kater so bedrohlich, dass es mir die Haare aufstellte. Ein tiefes Entsetzen begann sich in meiner Seele zu regen. Die helle Katze sah mich aus großen, verlangenden Augen an. Dieser Blick! Konnte es denn sein? War das möglich? Immerhin war hier Adeles Todesort. Als habe die Katze nun mein Aufmerken registriert, miaute sie kläglich, doch der schwarze Kater wendete sich ihr zu und hieb sie mit Prankenhieben aus meiner Nähe. „Adele“, flüsterte ich. Der geliebte Name berührte meinen Schmerz und immer gewaltiger schwoll der Strom meiner Gefühle. Ich sprang auf, gepeitscht von einer wilden, wahnsinnigen Hoffnung: Meine Adele! Ich griff mir einen Besenstiel, der halb verrottet am Boden lag und schlug nach dem Monstrum, das geschmeidig auswich und auf einen der Bäume kletterte, wo es im dichten Laub fast unsichtbar war. Man hörte nur das leise, hasserfüllte Fauchen. Die Katze war unterdessen verschwunden. Doch plötzlich teilte sich das Gebüsch vor meinen Füßen und das schmale Tier huschte hervor, eilte auf mich zu und strich mir zärtlich um die Beine. Ich hob es vom Boden und nahm es in den Arm. Es rieb sein schmales, schön gezeichnetes Köpfchen an meinem  Gesicht,  sein Schnäuzchen berührte sanft meine Lippen.  Tränen rannen plötzlich über mein Gesicht, die die Katze aufleckte, als handele es sich um Milch. Diese Augen. Ganz grün waren sie. Voller Sehnsucht und Verlangen. Ich drückte das Kätzchen an mich, hielt es fest und wollte es nie mehr verlieren. Das bösartige Fauchen in meinem Rücken wurde plötzlich lauter. Zweige prasselten heftig. Ein Schrei wie von tausend wahnsinnigen Seelen ertönte und der Kater sprang mir in den Nacken. Die Krallen des Tieres gruben sich schmerzhaft in mein Fleisch. Ich versuchte es zu packen, doch seine Wut galt nicht mir. Behende schnellte es über meine Schulter und stürzte sich auf das Kätzchen, das eben vergeblich zu fliehen versuchte. Sofort wälzten sich die beiden Tiere in einem tödlichen Kampf. Einen Moment war ich wie erstarrt, doch dann überkam mich die Wut. Ich warf mich auf die Bestie und erwischte sie an den Hinterläufen, zerrte das wild um sich beißende und schlagende Tier in die Höhe und wirbelte es wie wahnsinnig im Kreis, während es tobend vor Hass versuchte, seine Krallen und Zähne an den Mann zu bringen. Schließlich schmetterte ich den Kopf des Tieres gegen die Hauswand. Der Kater hatte mir einige tiefe Wunden beigebracht. Ich blutete heftig, doch ich bemerkte es kaum. Die Katze lag vor meinen Füßen und rührte sich nicht mehr. Ich nahm den schmalen Körper auf den Arm. Tränen tropften auf das zarte Antlitz, das nun schon fast menschlich schien. Unsere Blicke berührten sich, wie sie es schon einmal getan hatten. Dann starb sie mit einem leisen Seufzen. Ich sank in einen bleiernen, todesähnlichen Schlaf. Als ich erwachte, hielt ich den zarten Körper im Arm. Wenige Meter entfernt lag der tote Kater, ein mächtiges, gefährlich aussehendes Tier. Mehrere Bauern standen um mich herum. Ein Arzt kam, der meine Verletzungen verband. Er meinte, dieser Kater habe die Gegend schon länger beunruhigt. Ein wildes Tier, das vielleicht die Tollwut gehabt habe. Nachts sei es immer auf der Suche nach Hauskatzen gewesen, um seine Liebesglut zu stillen. Es habe sich vermutlich den verwildernden Garten zum Revier erkoren. Die helle Katze dagegen kannte niemand. Vielleicht war sie eine Streunerin, meinte der Arzt. Ein schönes Tier. Es habe in meinen Armen gelegen, als habe es schon immer zu mir gehört.

 

Seit damals frage ich mich, ob Adeles Seele in der Katze wiedergekehrt ist“, flüsterte er mit einer vom Wahnsinn berührten Stimme. Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. „Das lässt mich nicht mehr los. Wo ich gehe und stehe fühle ich mich nun doppelt verlassen. Aber genug davon. Niemand kann verstehen, wie ich mich fühle“, sagte er, „Ich will keinen billigen Trost und keine schnelle Erklärung. Jetzt, wo ich es Dir erzählt habe, spüre ich, dass ich es besser gewesen wäre, zu schweigen.“ Er drehte sich abrupt um, nahm seine Jacke und verließ die Party. Ich habe gehört, dass er jetzt in Südfrankreich lebt. Vielleicht werde ich ihn eines Tages besuchen.



Die Entscheidung

 

Schon seit einigen Tagen war der alte Mann sehr nervös. Er führte diese Unruhe auf seine Krankheit zurück. Seit gut einem Jahr wurde er von Halluzinationen gequält. Immer häufiger verwandelte sich die Welt vor seinen Augen und Bilder aus sei­ner Vergangenheit umgaben ihn. Es war, als habe er in seinem Herzen einige Gespenster mit sich getragen, die nun von ihm Erlösung erhofften. Er hatte lange mit dem Gedanken gespielt, sich einem Arzt anzuvertrauen, doch er hatte nicht die geringste Lust, wegen seiner Krankheit in einer Nervenklinik zu enden. Die Halluzinationen kamen als Bedrohung, aber es war auch eine Rückkehr des Lebens in ihnen. Trotzdem erschreckte es ihn, daß die Erscheinungen immer blutrünstiger wurden. Im Wahn bewegten ihn Sehnsucht und Wut; aber auch furchtbarer Haß. Doch; so fremdartig und deplaziert diese Empfindungen ihm auch zu sein schienen, sie waren ihm aus Erinnerungen vertraut. Tatsächlich war er lange nicht so aktiv gewesen wie seit dem Ausbruch der Krankheit. Immer öfter hatte er die Nähe anderer Menschen gesucht. Anfänglich waren es ältere Passan­ten gewesen, die er neugierig angesprochen hatte, doch schließ­lich hatte er sich mit Vorliebe in der Gesellschaft junger Men­schen aufgehalten, die den Gefühlen aus seinen Halluzinationen näher waren. Bald schon wurde er stadtbekannt, denn er hatte eine Vorliebe für den Besuch von Jugendkneipen entwickelt.

 

   An diesem Tag nun beunruhigte ihn ein dumpfer Schmerz in seiner Herzgegend, aber er wußte, daß es nicht sein krankes Herz war, das ihn schmerzte. Das, was sich in ihm vorbereitet hatte, wollte wohl geboren werden. Seine Halluzinationen wa­ren überfällig, aber seine Furcht vor ihnen versteckte sich hinter einer kindlichen Euphorie mit der er den Abend erwartete. Ir­gendwann nahm er seinen Mantel und schlich gemächlich durch die Stadt. Ziellos irrte er umher. Schließlich gelangte er zum „Heartbreakers“, einem Jugendlokal in der Stadtmitte. Be­nommen suchte er sich einen freien Platz am Tresen. Es war ein Rauschen in seinen Ohren, das nicht von der Musik stammte, die schmerzhaft laut um ihn herum tobte. Eine ganze Weile saß er unbeachtet. Viele junge Menschen standen herum, tranken und lachten, doch sie erweckten nicht sein Interesse. Plötzlich jedoch schälte sich aus dem Dunst eine Gruppe Jugendlicher, die einen "Flipper" umringte, und bei dieser Gruppe stand, in einem dunklen, langen Kleid, sein Todesengel und warf ihm einen ersten, provozierend lustvollen Blick herüber. Plötzlich war es ihm, als leuchte ein magisches Licht zwischen ihnen, das es unmöglich machte, daß sie sich verborgen blieben. Die jun­gen Männer der Gruppe hatten ihn nun auch bemerkt und feix­ten mit ihren Mädchen, die wenig später, seltsam ergeben, das Lokal verließen.

   Eine überirdische Erregung hatte den Alten ergriffen. Es schien ihm, als habe sich alles gefügt, um ihn, in diesem Ab­schnitt seines Lebens, an diesem Ort, mit diesen jungen Men­schen zusammenzuführen.

   Tatsächlich bewegten sich die jungen Männer nun, wie von unsichtbaren Händen geleitet, auf ihn zu, umringten ihn und sprachen auf ihn ein mit ihren dunklen, vergnügungssüchtigen Stimmen.

   "Na, mein Alter, hast du Dich verlaufen?" Plötzlich war es dem Alten, als sei es völlig gleichgültig, was er antworten würde, ja, als sei alles schon entschieden, was geschehen werde und jedes Wort, das sie wechselten, würde nur den Faden des Schicksals abspulen bis zum Moment der Entscheidung. Er re­dete, ohne sich selber zuzuhören, und er erhielt Antworten, die er nicht verstand, und die jungen Männer schien es zu belusti­gen, was er von sich gab. Doch sie verloren bald schon die Lust an dem Spiel. Ihr Anführer sagte schließlich, mit drohender Stimme:

   „Ich will Dir was sagen, Opa. Deine Zeit ist lange vorbei. Niemanden interessiert Dein Gesabber. Es steht mir bis hier. Nimm’s nicht persönlich, bestell Dir noch ein Bier auf mich!“ Jovial klopfte er dem Alten auf die Schulter, zwinkerte den an­deren Jungs zu, die sich prustend über ihre Biergläser beugten und nippte an seinem Glas.

   Mit einem leisen, asthmatischen Schluchzen sackte der Alte auf seinem Hocker zusammen, senkte den Blick und beachtete seinen Nebenmann nicht mehr. Seine Erregung war unterdessen übermächtig geworden. Die Mädchen kehrten schwungvoll in das Lokal zurück, schauten eitel in die Runde, ob auch alle An­wesenden ihnen genügend Aufmerksamkeit schenkten und nä­herten sich ihren Begleitern so königlich, als sei deren Anwe­senheit ihrem wahren Werte im Wege.

   Unwillkürlich stockte dem Alten der Atem. Die Entscheidung war nahe, fast schon konnte er sie körperlich spüren, und sei­nem Widerpart ging es ebenso.

   Das junge Ding warf ihm einen versteckten Blick zu, der so kalt war wie eine Winternacht. Erschreckt drehte sich der Alte zum Wirt, blinzelte ihn unterwürfig aus wirren Augen an und murmelte spröde: 

   „Noch ein Bier, bitte schön, Herr Wirt“. Der Mann warf einen kurzen, fragenden Blick zu seiner Kollegin, die am Zapfhahn stand. Dann kam er ganz dicht an den Alten heran und schenkte ihm einen prüfenden Blick, der unmißverständlich signalisieren sollte, daß bald ein Rauswurf folgen würde:

   „Meinst Du nicht, Du hast genug?“ 

   „Bitte, Herr Wirt“, der Blick des Alten zitterte wie der eines geschlagenen Hundes, „noch ein Bier. Das könnt ihr einem alten Mann doch nicht abschlagen.“ Der Wirt warf noch einen fra­genden Blick zu dem jungen Ding am Zapfhahn, das das Gesicht andeutungsweise zu einem schrägen Grinsen verzog, während es mit kalten, geschickten Händen, über die Bierschaum wie schneeweißes Blut lief, ein Glas abfüllte und achtlos auf das gewellte Blech der Spüle stellte.

   „Gut, noch eins, aber dann hast du genug, Alterchen.“, brummte der Mann, und schob ihm ein gefülltes Glas vor die Nase.

   Es war, als wanderten unsichtbare Kraftfelder zwischen Tresen und Flipper. Die Jungs standen breitbeinig und wiegten sich in den Hüften, während die Mädchen selbstgefällig auf dem Nebentisch lehnten und sie mit gelangweilten Blicken bedach­ten. Nur seine dunkle Königin schien zu spüren, daß sie es war, die hier gefordert wurde, denn sie wendete sich mißmutig ab und versuchte sich mit leisen Blicken und Gesten zu den ande­ren zu retten. Er konnte seinen Blick nicht von ihr lassen. Ner­vös rieb sie ihre Hände an der Hosennaht und warf ihm einen wütenden Blick zu, der sein Herz schmerzhaft hämmern ließ. Sie konnten sich nicht entkommen. Da ertönte auch schon ihre rauhe Stimme:

   „Kann bitte schön, einer von Euch dem Penner da vorne mal beibringen, daß er seine Augen bei sich behalten soll“!?

   Die Jungs scharrten verlegen mit den Füßen und erwiderten mit aufgesetzt dunklen Stimmen:

   „Laß den Alten doch. Der will auch mal was Ordentliches zu sehen kriegen“. Sie kicherten wieder wie eine Gruppe verlege­ner Schulkinder.

   Der Alte spürte, daß seine Gegenspielerin zu ergriffen war, um sich mit dieser Reaktion begnügen zu können. Ihre Blicke berührten ihn plötzlich wie feurige Nadeln: Du bist im Weg! Du störst das Spiel! sagten sie, und plötzlich wußte er, was ihn ge­rufen hatte.

   Er war diesem Blick schon oft begegnet. Er hatte ihm aus unzähligen Gesichtern spöttisch und verachtend entgegenge­blickt. Ein Leben lang hatte er sich vor solchen Blicken gebeugt; ob aus Klugheit oder Feigheit wußte er nicht. Nur der darf sich diesen Blicken entgegenstellen, der tatsächlich über glaubhafte Waffen verfügt. Das Mädchen starrte ihn mit einer Unerbittlich­keit an, die das Geschwür in seiner Seele zum Aufbrechen trieb. Ein dumpfes Gemisch aus Angst und Wut bemächtigte sich sei­ner. Plötzlich war es nicht mehr ein kaum zwanzigjähriges Mäd­chen, das ihn bedrohte. Er taumelte vor einem ungeheuren Ab­grund, der sich in ihren Blicken öffnete. Er stürzte in einen Ozean erlittener Demütigungen.

   Das Mädchen hatte sich inzwischen erhoben. Es schüttelte sich zornig die Haare in den Nacken und kam langsam herüber. Sie schob sich so dicht neben ihn, als wollte sie ihn vom Bar­hocker stoßen. Sie war ein Kind, kaum fünfundfünfzig Kilo schwer, aber es war etwas anderes, das sich an seine Seite drängte. Es war der dunkle Wille des Menschen nach Macht und Herrschaft, der ihm durch sein Leben gefolgt war wie ein Scharfrichter.

   „Ein Glas Sekt“, sagte sie mit eisiger Stimme, dann spreizte sie aggressiv die Ellenbogen und schurbelte das Bierglas vom Tresen. Es zerbrach. Die Scherben begannen taumelnd zu krei­sen und ein Schwall Bier schwappte über die Hose des Alten. Das schrille Klirren des Glases tönte in seinen Ohren wie das Rasseln der Türen im Konzentrationslager. Tausend höhnische Gesichter wendeten sich ihm zu, und der Herr Ober war groß und schwer und hatte kraftvolle Hände und im Hintergrund johlte und grölte die ganze Bande, während der dunkle Engel an seiner Seite die Haare, in einer herrischen Bewegung, wie eine Siegesfahne in den Nacken warf, verächtlich mit den Zähnen knirschte und auf ihn spuckte, als sei er kein Mensch, als habe er kein Recht auf Würde und Leben. Seine Haut war wie die Rinde eines absterbenden Baumes. Sein Herz wurde schwer wie ein Mühlstein und wollte ihm aus dem Körper brechen. Er sah ein endloses Spalier Menschen, in das er geprügelt werden sollte. Am Ende der Gasse aber wartete ein düsteres Kremato­rium, in dem eine rußige Flamme brannte. Plötzlich fühlte er den Schmerz tausender Frauen und Kinder, die gequält worden waren, den Schmerz hoffnungsvoller, junger Männer, denen man die Würde und das Leben geraubt hatte. In diesem Au­genblick erschien ein Licht am Horizont. Es war ein helles, Hoffnung versprechendes Licht. Es rief die Gedemütigten auf, sich zu erheben und ihre Peiniger tot zu schlagen, diese tollwü­tigen Hunde.

   Eine große Genugtuung und Kraft ergriff den Alten. Der Scharfrichter war ganz nahe und fürchtete sich. Es war sein Recht, seine Pflicht, an ihm Rache zu üben. Mit einem halber­stickten Wimmern umklammerte er die zersprungenen Reste des Bierglases und hieb dem Mädchen, das an seiner Seite stand, die Scherben in den Hals. Ihre Pulsader zerriß und plötzlich war alles voller Schreie und ein roter Vollmond, ein blutroter Voll­mond leuchtete über der Welt, und der Alte stand über einem unendlichen Abgrund und reckte triumphierend seine Fäuste gegen den Himmel.

 

 

Gedanken über die Liebe und andere versunkene Kontinente

ISBN: 978-3-7322-9300-1

Books on Demand

Lieferbar in allen Buchläden und als E Book bei Amazon und Apple


 

Aspekte dessen was man Liebe nennt

 

Nichts ist für mich so schwierig wie das Beenden einer Liebesbezie­hung. Jedes mal stürzte ich gegen Ende einer solchen Beziehung in eine Phase der Zwiespältigkeit. Einerseits hatte ich das Bedürfnis, mich bei meiner Partnerin dafür zu entschuldigen, dass ich nicht mehr in der Lage war, mich ihr zu nähern, andererseits hatte ich das Bedürfnis vor ihr davonzulaufen. Das jedoch war mir niemals sofort möglich. Sobald ich der Frau, die ich geliebt hatte, die ich, ach, noch liebte, als Schatten, als Überbleibsel einer abgelebten Seite meiner Selbst, räum­lich nahe war, trat mir die Erinnerung als Wehmut und Schmerz ins Herz, während ich gleichzeitig Lust ver­spürte, meine Macht über sie, die ich durch meine Loslösung ge­wann, zu benutzen. Durch das Anwachsen meiner Macht war ihre Widerstandskraft abgeschwächt und ihr Be­gehren gesteigert. Sie war wehrlos mir gegenüber. Ich verscheuchte meine Skrupel und spürte Lust an dem meinen Begierden ausgelieferten Fleisch, nicht ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, obwohl ich mich auf der anderen Seite stolz und mächtig fühlte.

Dementsprechend reagierte ich ambivalent. Ich ver­suchte meine Schuldgefühle zu mindern, indem ich eine Liebe be­schwor, die keine Triebkraft mehr hatte und wartete auf das nächste Aufkommen von Machtphantasien. Dieses Spiel wäre sofort beendet gewesen, hätte sie sich mir entzogen. Ohne auf  Widerstand zu stoßen setzte es sich aber oftmals fort, bis die Stärke des Schamgefühls die Stärke dieses Antriebes überlagerte. Dessen Ziel war ein gesteigertes Machtgefühl gewesen, abgemildert wurde diese Grausamkeit alleine durch Furcht vor Strafe, also vor einer verletzenden Reaktion.

So ist es mir einmal passiert, dass eine Frau, deren Begehren sich im Leid der drohenden Trennung steigerte, so dass sie starke Lust an Unterwerfung empfand, eine günstige Situation auf einer Fete ausnützte, sich einem anderen Manne zuzuwenden, indem sie seinen Küssen und Zudringlichkeiten, begleitet von einem hysterischen, verzweifelten Lachen, zugänglich war. Der Moment, in dem sie sich dem anderen zuwandte, war für mich ein Moment des Ent­setzens, des Schmerzes. Sie, deren Unterwerfung meinen Triumph über eine verborgene Angst bedeutet hatte, wehrte diesen nun in einer letzten, verzweifelten Aktion ab.

So kurz vor dem Ziele abgefangen, den Schrecken, den die Liebe einstmals hatte bannen sollen, nun unmittelbar vor Augen, kehrte mein Verlangen zurück. Die Frau, Gisela hieß sie, die ich doch durch mein Verhalten degradiert und entwürdigt hatte, gewann augenblicklich wieder an Schönheit und Bedeutung. Es war dies die Schönheit des Anfangs, jene bedrohliche Schönheit die lockt, die aber auch zerschmettern kann und deren Bedrohlichkeit man durch Wohlverhalten und Kompromiss zu mildern versucht, deren Macht man durch Kritik begrenzt, solange man den anderen noch fürchtet. Denn unbewusst ist einem beim Anblick jener Schön­heit gewiss, dass sie den, den sie heranlockt, auch zerschmettern kann, in dem Moment, wo man ihrer Anziehung ohne Gegenwehr erliegt.

Ich hatte zum Zeitpunkt jener Fete bereits eine andere Frau ken­nen gelernt, die nicht zufällig einem Gegenbild jener Gisela glich. Der Moment der Rache wurde nun zu Giselas Triumph über uns beide, da er mich aus meine Siegeshöhe in den Abgrund der Furcht riss. Schlagartig stieg ihre bedrohliche Schönheit, jener Reiz, der mich einstmals zu ihr gelockt hatte, wieder aus der Versenkung hervor. Augenblicklich spürte ich jene Macht, die ich einstmals gefürchtet hatte, und ich ergab mich ihr. Die neue Frau verlor an Bedeutung. Ja, plötzlich war sie für mich nicht mehr existent. Ihre Bedrohlich­keit, ihre Macht, die mich gelockt hatte, verfiel in meinem Innern vor dem Zeichen jener alten Macht, die sich durch diese Tat restaurierte. 

Ich floh unter Liebesschwüren an Giselas Hand von der Fete und es ist ihrer „Schwäche“ zuzurechnen, dass sie ihren Triumph nicht voll­kommen machte, indem sie mich kühl von sich wies.

Ein solches Verhalten habe ich bei einer anderen Frau kennen ge­lernt, die, in einer ähnlichen Situation, die Kraft besaß zu „gehen“. Der Zusammenbruch meiner eingebildeten Stärke war die Folge, und ich war nicht in der Lage, ihr nicht nachzulaufen, um sie zurückzu­erobern. Ich habe auch oftmals erlebt, dass ich, indem ich zurückwies oder auf Drohungen gleichgültig reagierte, „Liebes“energien auf mich zwang.

Der, der die Kraft besitzt, der Macht des anderen zu widerstehen, bricht diese auch und wandelt sie in Begehren, das scheint mir das Ge­setz zu sein.

Ich muss gestehen, dass ich immer, wenn eine Partnerin die Kraft besaß, meinen Machtwünschen durch Abwehr und Zurückweisung zu widerstehen, in jene Position der „Schwäche“ geriet, die ich Gi­sela bereitet hatte. Der weibliche Triumph äußerte sich indes selten in einer sexuellen Demütigung die nimmt, eher äußerte er sich in einer sexuellen Demütigung die verweigert, denn auch diese Demü­tigung gibt es. Dazu kam aber noch eine offen gezeigte Verachtung jener siegreichen Frauen mir gegenüber, die ich zugegebenermaßen, wenngleich abgeschwächt durch ein nicht sehr eindeutig herzuleiten­des Mitgefühl, auch gegen „unterlegene“ Frauen empfunden habe. Wohl wusste ich im Nachhinein ihre Wärme und Un­terordnung zu schätzen, aber nur als das, was mir zustand, und was ich mir von einer stärkeren Frau als Tribut gewünscht hatte.

Diese klare Herleitung meiner „Liebe“ aus einem Machtspiel lässt in mir jedoch die romantische Idee der Liebe nicht abklingen.

Tatsächlich ist meine Sehnsucht nach jener romantischen Liebe wei­terhin sehr groß und in Zeiten, in denen ich lange alleine war, war sie, obwohl es mir ohne diese „Liebe“ gut ging, doch ein starker Schmerz im Hintergrund, ein Verlangen, das meine gesamte Existenz leitete. Selbst in dem, was ich schrieb, spiegelte sich diese Sehn­sucht. Ohne Frau hatte diese Sehnsucht aller­dings einen anderen Charakter. Ich hatte Mitgefühl mit den Ein­samen und Zurückgewiesenen und konnte diesen, auf dem Weg der Identifikation, wirkliche Anteilnahme entgegenbringen. Ich fühlte ihr Leid und ihren Schmerz nach, dachte ich. Tatsächlich waren Leid und Schmerz des anderen aber Bestandteile meiner Seele, Schatten jener Sehnsucht nach „Liebe“, die mich beherrschte. Auch die Ge­fühle, die ich gegen Freunde hegte, waren derselben Natur. Wir er­zählten uns von unseren Ängsten und Sehnsüchten in Bezug auf jene Sehnsucht, ja, wir liebten an uns Elemente, die scheinbar den Forde­rungen jener Sehnsucht entsprachen. Wir handelten sehnsüchtig und ohne diese Sehnsucht wären wir uns Fremde geblieben.

Diese Sehnsucht, die sich bei einer Umsetzung in die Realität in einen Kampf um Macht entwickelte und das scheinbar zwangsläufig, zumindest dort, wo ich zuschauen konnte, der bestenfalls durch ei­nen Kompromiss zwischen zwei ungefähr gleich „Mächtigen“ einzu­dämmen war, wobei er oftmals den Charakter einer Lähmung an­nahm, war der einzige Fixstern des Denkens und Handelns der Men­schen, mit denen ich in der „Tiefe“ zu tun hatte. Sie alle fürchteten ihre Schwächen oder bekannten sie, waren froh, sich „angenommen“ fühlen zu dürfen oder beklagten alte „Beziehungen“, in denen dieses Angenommen Sein nicht stattgefunden hatte.

Tatsächlich ging und geht es mir ebenso. Nicht Verstanden Zu Werden war meine Furcht, und wirklich fühlte ich im „Kern“, dass ich nie verstanden wurde, zumindest von dem, der mich verstehen wollte. Der aber, der mich zurückwies, also der, der keine Anstalten machte, mich zu „verstehen“, war der, den ich begehrte. Vielleicht, so denke ich, lag das daran, dass ich in diesem vollständigen Unver­standen Sein, dass ja Missachtung meiner Selbst ausdrückte, einen größeren Verstand vermutete, der mich in verborgenerer Tiefe er­kannte als diese Bejaher, die nur mein Selbstbild bestätigten und die damit nur so tief sahen, wie ich in mich selber blicken lassen wollte (konnte), während sich in meinen Selbstzweifeln größere „Mängel“ und „Schwächen“ verbargen, die ich in noch größerer Tiefe vor mir selber verteidigte, oder für die ich mich schämte. Die Frau nun, die mich ablehnte, obwohl ich doch Erklärungen meiner Selbst gab, die für andere glaubhaft waren, und die dort Sympathie, wenn nicht Liebe erweckten, sah sie nicht tiefer? Und wenn sie tiefer sah, war es dann nicht so, dass sie meine verborgenen Ängste ZUWENIG WERT ZU SEIN, UM GELIEBT ZU WERDEN erkannte. Dementsprechend fühlte ich mich bei dieser Frau gefordert, mich in jene Tiefe unter der Tiefe zu begeben, in der die Rechtfertigung für das Verborgene reifte. Ich denke, dass ich in der Hoffnung lebte, mich durch eine Bejahung von dem Gefühl einer tieferen Schuld erlösen zu können. Die Ablehnung aber weckte im­mer wieder aufs Neue Gefühle der Scham und des Versagens und verhinderte, dass meine Macht neben der der Frau emporstieg, wie deren Bejahung verhindert hatte, dass ihre Macht neben mir empor­stieg.

 

Diese „Siege“, was waren sie anderes, als von jener tieferen Schicht des eigenen Schuldgefühls auf den anderen zu weisen und zu triumphieren: Trotz aller „Mängel“ bin ich stärker als Du!

Diese Triumphe waren Scheinsiege und immer noch Zeichen der Schwäche, sich bis in das Verborgene hinein zu sich selber zu be­kennen. Der sexuelle Triumph war der Triumph des in Fesseln der Moral geschlagenen, des ohnmächtigen Sklaven, der nun seinen un­terdrückten Hass wie einen lange angeketteten Hund auf den Partner  hetzte, weil er sich überlegen wähnte.

Hinter all dem aber stand wie eine Mauer die Furcht und hinter der Mauer wartete das verborgene Ich und über allem leuchtete der Fix­stern der Sehnsucht nach „ERLÖSUNG“.

 

Ich bin oftmals unruhig, wenn ich bemerke, dass ich beginne, mich zufrieden zurückzulehnen. Es ist vorgekommen, dass ich, mit einem gewissen Unbehagen, bemerkte, dass ich aufgehört hatte zu suchen. Was genau ich suchte, konnte ich selten definieren. Solange mich eine Sehnsucht leitete, begegnete ich dem, was in mein Leben trat, mit einem höheren Grade des Interesses. Wenn ich diese Sehnsucht, die mich zur Suche treibt, beschreiben soll, würde ich sie ein Wis­sendes Unbehagen nennen. Sie ist nämlich weniger das, was man geläufig Sehnsucht nennt, also ein Wunsch nach einer tieferen Erfül­lung, als  Angst, Zeit zu vergeuden und das Ziel nicht zu errei­chen. Das Ziel nicht zu erreichen aber heißt für mich, verurteilt zu sein zum Sterben.

Welcher Art nun ist dieses Ziel? Ich würde sagen, ich lebe in einem Zwiespalt zwischen dem Tatsächlichen und dem Möglichen. Das Tatsächliche ist das Ich, das ich lebe, das Mögliche ein klareres Ich, das erst noch zu schaffen ist. Welcher Art dieses andere, umfas­sendere Ich sein soll, ist mir in tiefer Ahnung äußerst bewusst, und es ist der Schatten dieses möglichen, zukünftigen Menschen, der mah­nend auf mich fällt.

Ich weiß nicht woher dieser Antrieb zum „Höheren“ kommt, ob es ein Antrieb ist, der angeboren wurde, oder ein durch Erziehung er­worbener Antrieb? In jedem Falle verbindet sich diese Sehnsucht nicht mit allen anderen Sehnsüchten, ja, manchmal ist sie konträr zum Wunsch nach dem schnellen Glück, dem von außen herange­tragenen Glück, meiner zweiten Sehnsucht, der Sehnsucht nach der Liebe einer Frau.

Was erhoffe ich mir von der Liebe eines anderen Menschen? Was glaube ich zu verlieren, wenn eine solche nicht mehr meiner Person gilt? Wenn ich also „Liebe“ „verliere“? Die Formulierung ist schon äußerst seltsam. Kann man denn Liebe verlieren? Wer verliert jene Liebe, der, der liebt oder der, der geliebt wird? Wenn man liebt, kann man keine Liebe verlieren, es sei denn, man liebt nicht mehr, aber was wäre da zu fürchten? Was gewinnt der, der geliebt wird, da zu seiner Person nichts hinzukommt, da nur eine Bejahung der Ei­genschaften, die er in sich vermutet, erfolgen soll? Als denkbarer Gewinn bleibt nur die Negation einer Angst, der Angst nämlich, nicht sein zu dürfen als der, der man zu sein glaubt.

 

Ich habe, solange ich eine Frau liebte, immer an starker Angst GELITTEN, diese Liebe wieder zu verlieren.

Es war ein äußerst starkes Gefühl, das mich unerbittlich an die je­weilige Partnerin band. Ja, ich würde soweit gehen, dass diese Angst identisch ist mit dem Gefühl, das ich Liebe nannte. Diese Angst war es, die mich zwang, mich für den anderen zu öffnen, insoweit, als ich seine Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen versuchte. Hatte ich diese Angst nicht, weil ich „platonisch“ liebte, blieb ich in einer größeren Distanz, die es mir ermöglichte, beiseite zu treten, wenn ein Wunsch des anderen nicht meinem Wunsch entsprach, also meine Aggression weckte. Ich überließ dann dem anderen die Freiheit, sich zu suchen, was er begehrte und blieb meinen eigenen Wünschen treu.

Jene andere „Liebe“ aber, deren Verlust ich fürchtete, zwang sie mich nicht erst dazu, etwas aufzunehmen, was mir ohne sie fremd geblieben wäre?

Diese Sehnsucht nach der Frau, die mich liebte, die ich lieben konnte, begleitete die Träume meiner Jugend und modifizierte sich durch größeres Wissen um mich selbst, bis ich in der Lage war, ohne Furcht tiefer zu lieben als mit Furcht.

Diese Furcht aber setzte stets mit der gemeinsamen Sexualität ein. Tatsächlich kann ich sagen, dass die Furcht: „Liebe“ zu verlieren, immer in erster Linie die Furcht war, gegen einen Kontrahenten zu unterliegen. Sei es, dass er eine „bessere“  Sexualität mit der Frau, die mir nahe war, hatte, sei es, dass er ihre Seele tiefer berührte, immer war es die Furcht davor, gegen einen anderen zu unterliegen. Jener andere Fall, die Liebe zu verlieren, ohne dass ein anderer Mann in Erscheinung trat, bildete da nur insofern eine Ausnahme, als ich dann fürchtete, dieser Mann WERDE KOMMEN und geben, wozu ich nicht in der Lage gewe­sen war.

Diese Furcht: nicht in der Lage gewesen zu sein, fremden Ansprüchen an mich zu genügen, war eine Furcht, die stets begleitet wurde von starken Schuld- und Versagensgefühlen. Es herrschte immer das Gefühl, einer Bewertung des eigenen Guten und Bösen ausgeliefert zu sein, ja, einer Bewertung der Summe der persönlichen Eigenschaften. Es ist mir immer so er schienen, als sei es ein persönliches Versagen, das nun offenbart würde und dass mich dem Spott eines GOTTES? ausliefern würde, der über meinen Wert oder Unwert zu richten befugt war.

Diese Furcht, die stets gegen Ende einer Beziehung stark zunahm, war aber auch der Antrieb, der diese Beziehung am Anfang ermög­lichte. Ja, ich würde soweit gehen, dass es die Furcht vor Eigenschaf­ten eines anderen ist, die uns in seine Nähe lockt, denn nur da, wo wir etwas Mächtigerem als uns selbst gegenüberstehen, begehren wir, das heißt, haben wir Grund, ein Urteil zu fürchten. Wo wir aber ein Urteil fürchten, erkennen wir die Eigenschaft, die uns diese Furcht einflößt, als bedeutsam an. Nun fürchten wir, vor dieser Ei­genschaft nicht zu bestehen. Wir zeigen uns ihr und verbergen uns ihr, beginnen unseren Tanz, und da, wo wir Bestätigung finden von dem, was wir fürchten, fühlen wir uns als wertvoll er­kannt. Diese Furcht vor der Macht des anderen uns zu erkennen, ist das nicht wieder die Furcht davor, „verkannt“ zu werden, abgelehnt zu werden, den Platz räumen zu müssen nach einer Niederlage gegen einen „Besseren“, der dem Anspruch jener Macht, vor der wir Geltung erhoffen, in höhe­rem Grade genügt. Weil wir fürchten begehren wir, weil wir fürchten erkennen wir an, weil wir aber anerkennen, nähern wir uns, drehen uns, zeigen uns nackt, liefern uns einem Urteil aus. Je höher der Grad dieser Furcht, desto weniger wagen wir es, uns gegen diese „LIEBE“ zu wehren. Da aber, wo wir eine Macht als so stark erkennen, dass wir uns ihr bedingungslos ergeben, verlieren wir unsererseits die Macht, vor der jene andere Macht einstmals zitterte, und es steht zu befürchten, dass sie ihr Interesse verliert. Nur, wo zwei gleichartig bedrohliche Mächte sich gegenüberstehen und sich aus Furcht Tribut zollen, entsteht der Antrieb zu einer „geregelten“ Nähe. Aus dieser aus Furcht „geregelten“ Nähe, in der die Grenzen dort gesetzt sind, wo die eigene Furcht: „Negiert Zu Werden“ beginnt, wächst jenes Etwas, das wir Liebe nennen, als ein sich „Gegeneinander Entwickeln“. Das ist der Beginn jener verbin­denden Liebe, die im Idealfall, falls die Mächte einander bedrohlich genug bleiben, um Fremdheit und Respekt voreinander zu bewahren, gemeinsam ein Wachsen nach Oben erzwingt zu jenem zukünftigen Ich, das klarer und größer ist als das Ich, das man zuvor lebte. Erlahmt der Kampf aber zu einem resignierten Respekt, entsteht jene passive, erlahmende Liebe, bei der beide Mächte, die sich einstmals aneinander aufrichteten, auf einem Status Quo verharren, der schließlich dazu führt, dass sie sich gegenseitig ihrer Bedrohlichkeit nicht mehr bewusst werden. Beide Mächte geraten in Vergessenheit und nur noch das Rudiment jener ursprünglichen Furcht: „Sicherheit“ Zu Verlieren, nämlich Be­quemlichkeit und Gewohnheit, halten beide Partner beieinander. Der Antrieb gegeneinander zu wachsen entfällt, und damit jedes ge­meinsame Glück, das immer auf einer Hoffnung weitergehen zu dürfen basiert. Hoffnungslosigkeit stellt sich ein, Resignation. Schließlich gleicht der gemeinsame seelische Zustand einem Tümpel, der kein Frischwasser mehr bekommt. Er wird dumpf und modrig, überwuchert, fault dahin und vertrocknet schließlich. Es mag noch einen Sumpf geben und manchmal vielleicht sogar noch einige Sumpfblüten, aber irgendeine Art von Vorwärts wie sie das wache Gegeneinanderliegen von Bedrohlichkeiten bedeutet, die ein Fließen erzwingen, wird ausgeschlossen bleiben.

Jene Furcht also, die das Nähertreten erzwingt, die den Tanz umeinander auslöst, muss also erhalten bleiben, um „Liebe“ zu ermögli­chen. Der Grad dieser Furcht wird aber nicht zwangsläufig von der „Macht“ des Anderen bestimmt, sondern ist in erster Linie Interpre­tation seiner Macht, seiner Fähigkeit zu erkennen und zu „strafen“. Diese Interpretation aber ist abhängig vom Grade der eigenen ge­speicherten Furcht, die immer auch Zweifel an der eigenen „Macht“ bedeutet. Diese gespeicherte Furcht ist die Summe aus den Negatio­nen, die im Laufe des Lebens erfahren wurden und deren Kompen­sationen durch Wachstum, das heißt „ERKENNTNIS“ oder Um­wertung.

Unzweifelhaft ist die Sehnsucht nach „Liebe“ kein dem Wunsch nach „Wachstum“ konträres Ziel, solange die Angst vor dem Verlust jener „Liebe“ und der Sehnsucht nach jener „Liebe“ aufgewogen wird durch ein Bewusstsein der eigenen MACHT, die die Bedroh­lichkeit erkennt aber mildert und die ermöglicht „GEGENZUHALTEN“. Die Antriebe zur „Liebe“ sind: Furcht davor und Sehnsucht danach, erkannt zu werden. Diese Sehn­sucht, danach erkannt zu werden, zwingt aber auch dazu, sich zu erklären, das heißt, sich neu zu definieren. Die Furcht vor der Macht des anderen ist gleichzusetzen mit der diesem anderen zugebillig­ten Fähigkeit, das eigene Innerste zu erkennen und zu bewerten. Dieses Bewerten soll durch den erfolgen, dem man es am intensivsten zutraut. Dem, der vor der eigenen Macht in die Knie geht, traut man das ganz gewiss nicht zu, denn die eigene Macht ist stets eine Summe aus gespielter Stärke und verborgener Schwäche. Der also, der in die Knie geht, ist nicht in der Lage, über den Selbstzweifel seines Gegenüber hinaufzusteigen, also dessen „falsches“ momentanes Selbstbild zu zerstören, dessen Falschheit dieser sich jederzeit bewusst ist, sonst würde er die Gegenmacht nicht fürchten. Der aber, der seinerseits Furcht einflößt, ist er es nicht, der in der Lage ist, das, was man an Schwäche in sich fühlt, zu erkennen, um es zu erlösen? Wenn er weiß und trotzdem begehrt, wem sonst dürfte man vertrauen?

 

„Liebe“ wird ausgelöst von Furcht. Die Furcht gilt der vermuteten Fähigkeit des anderen zu urteilen. Da, wo er Furcht erweckt, wo man selber aber auch bei diesem Furcht erweckt, also als kompeten­ter Urteiler angesehen wird, entsteht gegenseitig Respekt, das heißt, man achtet die Macht des anderen. Aus diesem Respekt er­folgt eine Annäherung. Nun definiert man sich über den anderen. Solange man in der Lage ist den Ausgleich zu bewahren, das heißt, Furcht zu erwecken und zu fürchten, liebt man wach. Man setzt sich auseinander. Durch die Furcht voreinander kommt es zu einer immer neuen Sicht auf sich selbst, das heißt zu einem neuen, ande­ren, klareren Ich. Da man sich selber immer verkennt und den ande­ren fürchtet, fühlt man sich genötigt sich zu erklären, ohne das freilich zu vermögen. Widersprüche werden offenbar, Lügen treten zutage. Solange man gegen einander steht und Angst hat, diese Liebe zu verlieren und auf der anderen Seite sich selber preiszuge­ben, ist man gezwungen zu wachsen. Dieses Wachsen aber bedeutet, zu lernen durch sich hindurch zu sehen.

 

Ich misstraue dem, was mir in Zeitungen, im Fernsehen, überall, wo ich auf Meinungen über den Menschen treffe, entgegentritt. Das olympische Motto: „weiter, schneller, höher“, es scheint mir zu den Menschen zu zerstreuen. Es ist im höchsten Maße „SINN“los. Nur da, wo Tiefe gesucht wird, kann Wachstum entstehen.

In sich tiefer zu gehen heißt Lügen zu erkennen, heißt, sich selber erst anzunehmen. Ja, ich würde weiter gehen und sagen: der Wunsch nach Wachstum ist oft konträr zum Wunsch: Angenommen Zu Sein.

Dem Wunsch im Wettkampf mitzuhalten, liegt die Furcht zu­grunde, zu „unterliegen“, was im Sinne der Leistungswertigkeit be­deutet, weniger Wert zu sein als der, der siegt.

Sicher ist das der Grund dafür, dass man sich verbirgt, wo man sich aneinander misst, dass man darauf achtet, Kompetenz im Vergleich zu zeigen, obwohl man im Grunde Anerkennung für die eigene Ganz­heit erhofft. Der Wettkampf aber führt nicht in die Tiefe, denn der, der im Wettkampf siegt, braucht nicht in sich weiterzugehen, im Gegenteil fliegen ihm ja durch seinen Sieg die Herzen zu und bestä­tigen eine „Macht“, die nicht in Frage gestellt wird, solange er sieg­reich bleibt. Erst da, wo er scheitert, steht er wieder vor sich selbst. Die Anerkennung weicht dem Spott, die ehemals „Unterlegenen“ triumphieren, die, die ihn bewunderten, verachten ihn womöglich. Das, was sein Siegen ihnen an Licht gewesen ist, suchen sie nun bei einem andern.

Nur wer unterliegt, kann nicht flüchten. Die Gunst anderer entzieht sich ihm. Nichts in ihm hat sich verändert, und doch wird er, der eben noch ein Gott war, nicht mehr geliebt. Das, was eben noch eine Besonderheit war, wird ihm nun zum Vorwurf gemacht. Ein Ab­grund tut sich auf. Tausend Fragen nach dem Wieso tun sich auf.

Der Mensch bleibt derselbe im Sieg oder in der Niederlage. Der Sieg drängt zum „Überhören“, die Niederlage aber ruft ihm sich sel­ber ins Bewusstsein zurück. Die Niederlage ist die Gegenmacht, die sein Wachsen hin zu sich erzwingt.

 

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in tiefer Bewusstlosig­keit. Ich stand meinem Elternhaus und den Institutionen, in denen sich alle zu bewähren hatten, mit großer Furcht gegenüber. Ich lebte in einem ergebenen Fatalismus. Die Welt war etwas unveränderlich Gefügtes, eine nicht anzuzweifelnde Welt, der ich ausgeliefert war auf Gedeih und Verderb. Meine Eltern waren mir fremde Wesen. Sie existierten wie Götter in ihrer eigenen, unbekannten Götterwelt, aus der sie nach Hause kamen, in die sie wieder eintauchten. Was sie sagten, hatte nie unmittelbar etwas mit mir zu tun. Es war mir unver­ständlich. Es waren oftmals Anweisungen, die von mir ein Tun oder Unterlassen forderten, auch im Hinblick auf das was ich „fühlte“.

  Das was ich war, was ich hätte sein können, wenn ich hätte sein dürfen, war für mich etwas Imaginäres, etwas nicht Lebbares, das versteckt werden musste wie ein nicht erwünschtes Körperteil. Wenn ich gehorchte und nach den gegebenen Regeln „funktionierte“, dann tat ich das niemals aus „Einsicht“. Ich tat es ganz gewiss nicht aus „Liebe“. Ich tat es, weil ich die Strafe fürchtete.

So ist das, was man Liebe zur Mutter nennt, gewiss alles andere als das, was man sich darunter vorstellt. Wie kann man lieben, was einen beherrscht, wie kann man lieben, wovon das eigene Leben abhängt, wie kann man „lieben“, wenn man fürchtet?

Tatsächlich ist diese „Liebe“ eine Unterwerfung unter eine Übermacht. Die Liebe zur Mutter ist, und daran besteht für mich kein Zweifel, ein Arrangement zwischen dem Hass des Kindes auf den Beherrscher und seinem Wissen um die Aussichtslosigkeit einer Rebellion. Das Kind kann den Mord, den es begehen möchte, nicht verüben, es kann die Flucht, die es im Herzen hat, nicht wahr machen, ohne unterzugehen.

So wenig mir diese Ambitionen als Kind bewusst waren, so sehr lähmte mich doch das unbewusste Wissen um die Aus­sichtslosigkeit jeder Rebellion. Ich hatte zu bleiben und zu gehorchen und aus dem Konflikt zwischen dem Hass auf die Bezwinger und der Unleugbarkeit der eigenen Abhängigkeit entwickelte sich meine Moral. Ich wollte ein „guter“ Mensch sein. Ein „guter“ Mensch, der seine „bösen“ Ambitionen durch Reue und „Liebe“ vergessen macht.

Wenn der Neunjährige kämpft, wie sehr muss der Dreijährige sich im Kampf mit der Mutter verzehren. Er, der doch gnadenlos abhängig ist von ihrer Nähe, der sich selber entdeckt und zögert... zu gehen! Die Welt liegt wie ein Sammelsurium bunter Symbole vor dem Kind, aber die Notwendigkeit, die elementarsten Bedürfnissen nur durch die Vermittlung der Mutter befriedigen zu können, stört das erwachende Selbstgefühl.

Habt ihr jemals das Schreien und den Trotz eines Kindes als Zeichen der Wut erkannt, als erstes und dann lange unterdrücktes Signal des Wunsches nach eigener „Macht“?

Das Kleinkind will alles, was es begehrt, nehmen und besitzen. Wie sehr muss es jede Abhängigkeit hassen, wie sehr kämpft es um sein eigenes Ich. Wohl dem Kind, das eine kluge Mutter besaß, die leitete ohne zu zer­brechen, die „Liebe“ genug besaß, jene kleine, werdende Macht, die ihrem Schoß entsprang, und die zornig das kleine Haupt hob, neben sich zu dulden.

In Zeiten allgemeiner Ohnmacht. In Zeiten, in denen die Würde des Erwachsenen angegriffen wird durch eine Welt, die seine Unter­werfung verlangt, fehlt die Freude über die eigene Stärke, die die Voraussetzung dafür ist, dass man fremden Machtwillen duldet und ihm mit einem Lächeln begegnet.

 

Meine frühe Kindheit ist mir sehr bewusst. Tatsächlich habe ich offensichtlich bereits mit drei Jahren ein Ich besessen, das sich sehr deutlich als Gegensatz „zur Welt“ definierte. Bei mei­nen Kindern habe ich das Gleiche beobachtet. Die Person ist bereits früh in allen Anlagen entwickelt. Selbst da, wo die Sprache noch fehlt, scheint das Begehren, das Wünschen, die Eigenart schon vor­handen zu sein. Wie weit dürfen Eltern diesem Emporstreben des „Eigenen“ ihres Kindes mit Nachsicht begegnen, wann haben sie die Pflicht, das, was heranwächst, „zurechtzustutzen“?

Wenn man die Fülle des Eigenen geschaut hat, um die man viele Jahre vergeblich kämpfte, die man tausend Ver­drängungen und Ängsten wieder zu entreißen hatte, so steht man dem Kind als einem „ehrlicheren“ Wesen als man selber ist ge­genüber. Mit Selbstverständlichkeit nimmt es das von ihm Begehrte, schiebt es den Kontrahenten zur Seite, zeigt es seinen Hunger und seinen Schmerz. „Hier bin ich!“, scheint das Kind zu rufen. „Ich habe ein Recht zu sein! Ich habe ein Recht auf „Erfüllung“!

Mit wie viel Neid und Argwohn betrachten wir das Kind, das jenes Recht behauptet, das wir selber nicht mehr besitzen. Wir bekämpfen es in diesen Momenten von Herzen und wünschen uns nichts sehnlicher, als es an unserer Macht leiden zu sehen. „Sieh her“, wollen wir ihm sagen, „wir haben Macht, und das was Du sein willst, was wir sehen, was wir beneiden, ist unserer Willkür ausgeliefert!“

Wir, die wir alles müssen, die wir eingekesselt sind von Moral, wie viel Neid empfinden wir, hassen wir doch noch immer inbrünstig hinter dem, was wir Nettigkeit nennen. Sein wollen wir wie das Kind, in Gänze und in Gänze rücksichtslos, aber die Botschaft steht aus Erz gegossen in unseren Hirnen: „Pass Dich an! Was wäre, wenn alle tun und lassen würden, was sie wollen!!?“

Nun gut, mögen wir, die wir weit fortgeschritten sind, uns sagen, vielleicht wäre das eine schönere, eine freiere, eine lebenswertere Welt, doch jene Dressur, der wir „unterlagen“, lässt uns alles in uns Verborgene als Böse fürchten: Nicht sein zu dürfen!, das ist unser Los, und weil wir nicht sein dürfen, soll auch das Kind nicht sein dürfen. Wir wollen ihm seine Grenzen setzen. Wir wollen an ihm unsere Macht beweisen.

 

Oh, wie sehr hasste ich, oh, wie sehr liebte ich! Einen Gott verehrte ich früh, dem ich schwor, ein guter Mensch zu werden. Was aber ist gut, was ist böse? Böse war mir, was mir Lust bereitet, gut war mir, das zu tun, was meine Eltern begrüßten.

Ich erinnere mich in jenen tiefsten Tiefen kaum an sie. Meine Erinnerung kennt nur die Ahnung von etwas Ungeheuerlichem. Einmal hatte ich meiner Mutter zwei Mark gestohlen. Mein Vater verprügelte mich daraufhin mit seinem Gürtel. Diese Strafe hat sich tief in mein Hirn gefressen. Es war nie mein Wunsch, „gut“ zu werden, der mich später daran hinderte zu stehlen, es war meine Furcht vor Strafe.

Es sind die großen Strafen, die der Menschheit ein Gedächtnis machten, sagt Nietzsche, und er hat zweifellos Recht damit. Ich er­innere mich noch zu gut an jene Situation, die dem „Diebstahl“ vor­ausging. Es war der Wunsch nach Anerkennung durch einen Freund, der mich zum Diebstahl getrieben hatte. Ich war damals sechs Jahre alt. Ich fühlte mich von meinen Eltern ungeliebt und vernachlässigt. Inwieweit war nun der Diebstahl eine Folge eines „bösen“ Antriebes, und welche größere, unbestrafte „Boshaftig­keit“ durch meine Eltern ging ihm eventuell voraus.

Solange ein ICH es vermag, wird es sich wehren, wird es Kompen­sation suchen für „Mangel“, erst wenn ihm diese Wege durch fremde Macht verbaut sind, folgt die Anpassung, jenes Abdanken von sich, das Verlogenheit und Hass schafft, den: „netten“ Menschen. Was will der „nette“ Mensch. Er will nicht auffallen. Er will nicht anecken. Er will sich selber einengen und klein machen, um nicht „gestraft“ zu werden. Diese Angst vor Strafe ist der Wächter seiner Innersten Natur. Diese Natur aber liegt verborgen unter einer tiefen Schicht der Wut. Diese Wut aber besteht zu Recht. Das, was er hätte sein können, wurde ihm genommen, das, was an Reichtum in ihm schlummert, ist ihm unzugänglich geworden. Dieser Verlust ist ihm im Grunde seines Herzens zutiefst bewusst, und nun hasst er alle, die Freiheit behaupten, bei denen er größere Freiheit vermutet.

Es ist fremde Übergewalt, die den moralischen Menschen erzwingt. Der moralische Mensch aber ist ein Gezeichneter, ein Krüppel, dem das Rückgrat gebrochen ist, dessen Verstümmlungen im Gipskorsett ihm fremder Regeln erzwungen wurden. Wie bei Kampfhunden, bei denen Qual und abgeleitete Aggression eine Deformation ihrer Ganzheit erzwingt, bis eine entfremdete Beißmaschine entstanden ist, fern den Grenzen ihrer Instinkte, voller Hass über die eigene Verstümmelung, so geht es dem moralischen Menschen. Was er ist, ist ein groteskes Zerrbild der Fülle, die er hätte haben können, und jener Schmerz, am Boden kriechen zu müssen, anstatt aufrecht und fröhlich umherzulaufen, erzwingt seine Wut auf alles, was nicht die gleichen Verstümmlungen aufweist. Der moralische Mensch ist ein Opfer. Er darf nicht sein, ohne das Zaumzeug das ihm fremde Mächte auflegten, um ihn ihren eigenen Wünschen gefügig zu machen. Seine Wut treibt ihn voran. Alles an ihm ist Kompensation jener Verstümmlungen, die es ihm unmöglich machen, zu seiner Gesamtheit Ja zu sagen.

 

Es gibt viele Formen der Moral. Jedes Du darfst oder Du darfst nicht, jeder erzwungene „Wert“, setzt ein Ja und ein Nein, ein Gut und ein Böse und zwingt das, was mit sich identisch wachsen will, in eine Spaltung. Ich behaupte, dass jeder, der von seiner wahren Natur durch Erziehung oder Moral getrennt ist, diese Spaltung kompensiert, indem er Herrschaft über andere anstrebt. Es ist nur der Grad der Inneren Selbstverneinung, der den Unterschied macht zwischen einem Adolf Hitler und einem Zeugen Jehovas. Denn auch in dessen „Liebe“ verbirgt sich ein Hass. Nämlich der Hass dessen, der gezwungen ist, eine Seite von sich selbst zu bekämpfen, um vor sich selber sein zu dürfen. Ich wage zu behaupten, dass das Ausmaß der Selbstnegation, (dieses Bannspruchs des einen Teils eines Menschen gegen seinen anderen Teil) das Maß der Gewalt vorgibt, mit der dieser versuchen wird, seine „Werte“ nach Außen herrschen zu lassen.

Selbstverleugnung aus Furcht ist die wahre Herkunft jedes Wertesystems. Es ist vollkommen unerheblich, welche Ziele es verfolgt, denn ein „gutes“ Ziel ist ebenso vergewaltigend (und entstellend) wie ein „böses“ Ziel. So wird das eine wie das andere die individuelle Wahrheit, das Selbst, verstümmeln und aufteilen und ein „Nach Außen gehen“ erzwingen, das in Zivilisation, in Kunst, in Technik mündet, das aber immer ein Fortweichen von der eigenen potentiellen Natur ist. Auch der Wunsch nach Menschlichkeit, so sehr er ein Zurücksehnen beinhaltet, ist Ausdruck einer Entfremdung

Jedes gesetzte Gute oder Böse hat seinen Ursprung in einer Furcht. Dieses gesetzte Gut oder Böse verhindert das „JA SAGEN“ zum eigenen Selbst. Diese Spaltung der Person wird nun als Wert in das „Außen“ getragen. Dort soll es über das Denken und Fühlen anderer Individuen herrschen, um die Macht der Selbstunterdrückung eines einzelnen durch „Verallgemeinerung“ zu legitimieren.

 (die Rechtfertigung für die Grausamkeit nach außen, liegt in dem AUSMAß der Qual, die das Wertsetzende Individuum erlitt, als dieser Wert im Innern zur Herrschaft gelangte.) Nun erzwingt dieser veräußerte „Wert“ (der der Lüge entsprungen ist) in anderen Innenwelten eine Aufspaltung. Diese verlangen nach neuem „Wert“. So ist es möglich, dass eine erste Regel, aus Furcht in einem Menschen geboren, ein Gut und Böse benennt, um schließlich eine ganze Gattung zum größten Vernichter der eigenen Natur zu verderben. Bis heute ist es nicht erlaubt zu glauben, dass der Mensch von Natur aus weder grausam noch herrschsüchtig ist, dass er, wenn er das sein durfte, was in ihm werden wollte, andere sein lassen kann.

Grausamkeit eines Menschen ist ein Zeichen für eine „gebundene“ (das heißt in Werten gebundene) Seele. Ich weiß, dass es Angst macht, wenn jemand daran geht, den Wert aller Selbstvergewaltigungen anzuzweifeln und anstelle von neuem Wert und Zwang Vertrauen und Bekenntnis zum tiefsten Individuellen, der Gesamtheit jedes einzelnen Menschen, zu setzen. Immer noch verachten wir uns, und wagen es nicht, unserem Innersten so zu vertrauen, dass wir in der freien Entfaltung jedes Menschen, durch ein bewusstes Jenseits von GUT und BÖSE, Schönheit vermuten.

Tatsächlich ist dieses Misstrauen des Menschen gegen sich selber so groß, dass er sich Ketten und Qual wünscht und vor Furcht vor seiner wahren Natur zittert, oder, wie Nietzsche, diese im Bereich der Grausamkeit und Herrschsucht ansiedelt.

Ich aber bin davon überzeugt, dass der Mensch erst da grausam wird, wo sich eine Macht in ihm verewigt, die ihm sich selber verbietet. Ich behaupte, dass es die Furcht war, die den Glauben an Moral und Wert erzwang, die den Menschen finster werden ließ. Sicher waren es besonders unwirtliche Bedingungen der umgebenden Natur, die die ersten Hochkulturen erzwangen. Furcht schafft Gesellschaften. Werte dienen einzig der Erstellung von Rangordnungen, um vor dem Angesicht des „Endgültigen“, „Unabwendbaren“, des unbesiegbaren Gegners Tod, Menschen zu differieren. Die „Guten“ werden überleben, ihnen ist die Ewigkeit. Was „gut“ ist unterliegt der jeweiligen Wertestruktur. Reichtum „haben“, Macht „haben“ gilt anfänglich als das einzig Gute. Nur das Auch Sterben Müssen der Reichen und Mächtigen setzte den Priester als obersten Wertewächter in sein Amt. Dass die Ewigkeit anfangs nur den Mächtigsten vorbehalten war ist selbstverständlich. Sie waren das GUTE schlechthin, jene Sonnenkönige und Pharaos, und vielleicht stammt der Glaube an einen Gott der Armen Grabräubern, die tote Herrscher beraubten, ohne dass ihnen etwas geschah. Sie mögen die Nachricht verbreitet haben, dass der Gott der Reichen und Mächtigen machtlos ist. Wenn es aber nicht Reichtum und Macht sind, die über den Tod hinaus retten, wenn selbst Pharaonen zu Staub zerfallen, muss dann nicht die Macht des sich verbergenden Gottes so unvorstellbar groß sein, dass es bereits ein Aufbegehren gegen ihn ist, der sein zu wollen, den man in sich fühlt, zu leben, was in einem werden möchte. „Gut“ sein (also nicht der sein, der man ist), demütig sein, am Boden kriechen, das sind die Vorsichtsmaßnahmen, die man einem solch verborgenen Herrscher gegenüber zu ergreifen hat.

Lange schwebte die Macht jener Pharaonen und Könige, jener Mächtigen, weithin drohend über den Menschen, und jedem Aufbegehren folgte der furchtbarste Alptraum an Strafe auf dem Fuße, schließlich wurde die Erinnerung an jene Strafe zum inneren Fußabdruck jenes unbekannten Gottes. Der PHARAO wurde eine Instanz des Innenlebens, er wurde der stumm anwesende Gott, dessen Ja oder Nein über das Leben diesseits und jenseits entschied. Die Furcht vor diesem NICHT DULDER wurde kompensiert durch das „gute“ Tun. Sie allein wurde zum Anlass für die vernichtende Selbstverleugnung, die bis heute die gesamte Menschheit unterdrückt.

- Im Gegensatz zu Nietzsche sehe ich keinen Widerspruch zwischen dieser Behauptung und dem Christentum, (wenn man es auf Jesus selbst zurückführt). Jesus misst Gesetz und Priestern geringen Wert zu. Er verlangt vom einzelnen sich zu LÖSEN, also zu vertrauen. Wenn Güter, Macht und Rangordnung nur Pfade der Selbstverleugnung sind, so ist die Aufforderung, auf das Beschreiten jener Pfade zu verzichten keine moralische Forderung, sondern eine Aufforderung, jenseits von gut und böse zu handeln, also aufzuhören zu werten. Der Mensch, der aufhört zu werten, ist der Mensch, der die Liebe entdeckt, das heißt, der sein SEIN DÜRFEN entdeckt. Damit entrinnt er dem Zwang, erst etwas TUN zu müssen, um vor sich selber bestehen zu können. (Denn auch dieses Vor Sich Selber Bestehen Müssen ist Kennzeichen eines Sklaven)

Es ist nie die Folge einer moralischen Selbstdisziplinierung, die einen Menschen „gut“ macht, sondern die Folge einer Loslösung von fremdem Wert, das heißt eine Überwindung von Furcht. Der Mensch, der keine Voraussetzung zu erfüllen hat, um mit sich selbst in Frieden zu leben, ist erst frei. Wer aber angstfrei vor sich selber steht, benötigt weder Besitz noch die Unterdrückung anderer, um sich als wertvoll zu erleben.

Der Wert jeden Besitzes, seien es Güter, Macht oder Partner liegt einzig in der Möglichkeit, sich durch diesen Besitz in einer Rangordnung aufzuwerten. Eine gute Position in einer Rangordnung ist aber kein Wert an sich. Es ist erst dort ein Wert, wo das Selbstwertgefühl damit verknüpft wird, das heißt, wo eine Furcht vorhanden ist, im Falle eines „Unterliegens“ vor sich selber nicht mehr gerade stehen zu können. Solange man irgendeine Voraussetzung erfüllen muss, um sich akzeptieren zu können, lebt man in Furcht. Der Wert von Rangordnung ist nur Individuen, die sich fürchten, zu vermitteln. Warum also nicht zuerst diese Furcht, die immer eine Furcht: zu unterliegen ist, überwinden. Dort aber treffen wir auf die Eitelkeit, auf den Stolz, auf den Wunsch nach Adel, nach Macht, Schönheit oder Größe. Und wenn wir all das fallen ließen? Wie viel Scham und Schmerz und Niedergeschlagenheit würden folgen.

Dort wo sich aller Wert als Schmerz auf uns wirft, dürfen wir nicht dort den Kulminationspunkt für alle Menschheitsängste vermuten, den wirklichen Gordischen Knoten. Also hinein in die Furcht! Wirklich NICHTS anderes sein wollen, als das, was man wirklich ist, wenn man sich vor keiner Geschichte, vor keiner Philosophie, vor keinem Ziel und keinem Zweck mehr verantwortlich fühlt...Jenes atmende Bündel...

IST man dann nichts? Oder geht nun ein Rauschen durch die Seele und der wirkliche Mensch entschlüpft seinem Kokon? ...Wie, wenn er erst dort die Welt fände?...und Gott?...und Gott ihn?

Zur Liebe zwischen Mann und Frau

Ich denke, dass die Liebe zwischen den Geschlechtern nur der Ausdruck einer Sehnsucht nach der Beseitigung eines Mangels ist; man liebt im anderen die potentielle Möglichkeit etwas in sich selber nicht Bewältigtes zu kompensieren. Das würde auch erklären, warum das Erreichbare in der Regel von der Liebe ungleich seltener angenommen wird als das Unerreichbare. Aus der Distanz und der Sehnsucht wächst die Möglichkeit zur Projektion. Wenn nämlich der Impuls zur Entflammung der „Liebe“ aus dem Wunsch herrührt, einen scheinbaren „Fehler“ der eigenen Persönlichkeit durch einen Partner auszugleichen, dann stört das bejahende Gefühl eines andern, weil es das gelebte Selbst bestätigt, das doch im Selbstzweifel abgelehnt wird. Dann kann das entgegengebrachte Gefühl allenfalls als narzisstischen Triumph verbucht werden, da es diese neurotischen Selbstzweifel übergeht, als seien sie bereits überwunden. Der „Komplex“ ist wohl Antrieb, sich einen Partner zu suchen, der dem empfunden „Mangel“ Erlösung versprechen kann.

Jeder „Komplex“ ist Folge einer erlittenen Negierung. Nun wird der als Reaktion auf einen „Komplex“ erstrebte Partner aber demjenigen ähneln, der diese Negierung verursachte, weil sie von dorther aufgehoben werden soll. Der angestrebte Partner ist also der „falsche“ Partner, denn in dieser „Hoffnung“ auf Erlösung verleugnet der Liebende sich selbst.

Was lässt den Menschen aber an einem Selbsthass festhalten?

Dieses Minderwertigkeitsgefühl ist verwoben mit der Persönlichkeitsstruktur, das heißt, das momentane Ich ist ein Resultat aus diesem Gefühl des Nicht Sein Dürfens und dessen Bearbeitung? Würde nun der Komplex beseitigt, würde auch der darauf fußenden Seite des Ich der Halt fehlen, deswegen strebt das Ich danach, sich seinen Komplex zu erhalten. Deswegen lehnt es sich unbewusst gegen jede Gefährdung des Komplexes auf, also auch gegen eine entgegengebrachte Liebe, die das Jetzt bestätigt. Im Gegenteil wird es sich danach sehnen, in seinem Selbsthass getroffen zu werden, um ein stärkeres Identitätsgefühl zu erhalten.

Ist nun das so gelebte Ich eine Lüge, eine Verdrängung der Wahrheit oder ist es bereits Wahrheit? Mit anderen Worten, ist es überhaupt möglich, den Komplex zu attackieren, ohne das Ich zu beschädigen?

Wenn man das Ich als etwas „Dauerndes“ ansieht, ist es zweifellos besser, den Komplex als Bestandteil der Person zu nehmen und seiner Gesetzlichkeit zu gehorchen, wenn man aber davon ausgeht, dass es eine Grundwahrheit im Menschen gibt, das dem Einzelnen Gemäße, nennen wir es das Selbst, einen Zustand der Selbstwahrnehmung in „Freiheit“ (das ist: ohne Vorbedingung), der erst erreicht sein will, und der nur erreicht werden kann, indem man sich von allen Forderungen, die dem „Du Darfst Sein“ entgegenstehen, löst, dann muss der Kampf mit den Negierungen aufgenommen werden, die das Ego festzuhalten versucht, als handele es sich um schützende Kleidung.

Nichts ist schwerer, als sich selber anzunehmen!

Für ein Ich, das auf dem Weg zu sich selber ist, existiert der alte „Rahmen“ der Weltsicht nicht mehr. Es ist gezwungen, seine „Überzeugungen“ permanent in Frage zu stellen. Dadurch verliert es erheblich an „Stabilität“.

In der Folge wird aber nicht nur das Verhältnis dieses Egos zu sich sondern auch sein Verhältnis zur „Liebe“ ein anderes sein. Dann erst wird es sich nicht mehr dem „Strafenden“ sondern dem „Bejahenden“ zuwenden, also dem Partner der die vormals abgelehnten „schwachen“ Seiten der eigenen Person lebt. Vielleicht ist das der einzig gangbare Weg über die „Liebe“ zu sich selbst.

 

 

Was ist Liebe?

 

Die Liebe ist eine Geisteshaltung. Sie wächst als Folge eines INNEREN PROZESSES. Man setzt einen Pfeil ins Unbekannte. Der Weg führt über das Innerste Selbst. Um Lieben zu können ist ein Bekenntnis zum Unbestimmten notwendig. Egal was der „äußere“ Mensch anstrebt, es wird ihm kein Glück bringen! Beruflicher Erfolg? Nur wertvoll für die Selbsteinordnung in eine Hierarchie, die verhindern soll, dass man sich „wertlos“ fühlt. Geld? Man kann damit keine Innere Grenze sprengen. Man kann sich mit Luxus wie mit einer Friedhofsmauer umstellen, im Kern bleibt man immer nur der gleiche arme Tropf, der in seinen Ängsten gefangen ist. Auch wenn andere Menschen das, was man vorgibt zu sein, akzeptieren. (Alles Äußerliche hat seinen Wert nur im Hinblick auf die Meinung anderer.)Je mehr man besitzt, desto mehr kann man verlieren, je mehr man ersehnt, desto mehr muss einem versagt bleiben. Ersehnt man Etwas, fehlt es einem Jetzt, das heißt, man erlebt Mangel. Fehlt es einem aber nicht mehr, ist nur der Mangel beseitigt. Im Gegenteil muss man dann fürchten, den Erwerb wieder zu verlieren. Jeder materielle Gewinn bindet insofern an Angst und engt ein. Aber auch das, was wir Liebe nennen, ist ein Ding, das uns tötet, wenn es einen Halt bieten soll, denn Liebe ist eine Haltung zu Dingen und Menschen, sie bleibt immer „offen“. Wenn also die Vernunft alle Hoffnungen entwertet hat, beginnt der Einstieg in das Ungewisse. Das heißt, eine Wanderung in die Unschuld beginnt. Unschuld bedeutet, alles wertfrei anzunehmen. In der Anerkennung durch andere sucht der Mensch Fortbestand und Ewigkeit, also Schutz. Er bemüht sich, anderen etwas vorzuturnen, was Beifall bringt. Was aber ist jedes „Vorturnen“ anderes, als andere Menschen zu funktionalisieren, indem man ihnen nur im Hinblick auf das eigene Tun oder Lassen Bedeutung zumisst. Es ist ein Einbinden der anderen im Sinne der eigenen Hoffnungen und Befürchtungen. Eine Spiegellandschaft entsteht, die Ängste und Hoffnungen zu einer Wertewelt bündelt. Der Blick wird an diese Scheinwelt gebunden. Handele ich „gut“, werden mich die anderen bewundern: so lautet die Hoffnung. Bejahung ist das Motiv und das Ziel. Das wahre Selbst wird für nichtig befunden. Es muss versteckt werden. Wenn ich mich in das Reich der Wertungen begeben habe, bin ich gezwungen weiterzuturnen, um den Untergang zu vermeiden (der ein verdeckter Rücksturz in mich selber ist), der zwangsläufig kommt, wenn ich stehen bleibe. Erst wenn ich redlich die Richtungen durchforsche, die meine Eitelkeit einschlagen will, erkenne ich, dass sie zurückweichenden Glücksversprechen folgen, die eine Furcht kaschieren. Es sind immer Glücksversprechen auf ein Ziel hin, das, wenn es erreicht wird, als zu wenig, zu leer erkannt wird und neue Ziele erfordert. Um das „Vorturnen“ aufzugeben, muss Wertfreiheit erstrebt werden. Solange der Mensch aber dahin kommen WILL, wird das Angestrebte zum neuen Klettergerüst. Man turnt im Hinblick auf ein Ziel. Das Scheitern auf dem alten Weg ist notwendig, um eine Umkehr zu riskieren. Die Umkehr ist immer ein Weg der Umwertung, ein Abschied von der Selbststilisierung mit dem neuen Ziel der Annahme, der Hingabe. Der Mensch „nimmt sein Kreuz auf sich“. Das aber ist erst der Anfang von einem tastenden Weg durch den Nebel der Versagensgefühle und der Angst zu unterliegen. Eröffnen kann sich nur, wer alle Hoffnungen und Werte, die wegführen sollten von Ängsten, reduziert hat auf Bekenntnisse zum SO SEIN. Man muss nichts mehr. Es gibt nichts zu gewinnen, also gibt es auch nichts zu verlieren. Der „offene“ Blick entsteht, die Befreiung aus der Angst, die immer Angst davor ist ZU VERLIEREN. Wer nichts zu verlieren hat, kennt keine Angst. In DIESEM Sinne ist Liebe der Zustand des Bewusstseins jenseits der anzustrebenden Werte. Sie entsteht aus dem „unschuldigen“ Blick. Es ist nicht wahr, dass sich das Selbst schwächt, wenn der Mensch von allen vorgelebten und geforderten Zielen Abstand nimmt. Das Gegenteil ist der Fall. Man gewinnt durch die Freiheit von allen Forderungen Angstfreiheit und damit eine nicht mehr bedrohte Basis für die Nähe zu sich selbst. Da, wo ich diese Freiheit zu mir in Gänze habe, wo ich mich der Identität mit mir selber nähere, verliert sich alle Angst und damit aller Hass, alle Gewalt, ja jede Begierde anderen überlegen sein zu wollen, sie als Konkurrenten zu empfinden. In sich ruhen kann nur der sich ausliefernde Geist, der Mensch der mit klarem Auge sieht, der sich gelöst hat von jeder Überhöhung seiner Selbst, die immer die Folge einer Unfreiheit ist, der Unfreiheit nämlich, die daraus erwächst, erst etwas SEIN ZU MÜSSEN, um sein zu dürfen, also einem Wert zu folgen, der über dem steht, was ist. Vernunft und Ordnung scheinen nur dem Menschen wichtig zu sein, der letztendlich seiner Natur misstraut, der glaubt, der Mensch sei Böse, die Existenz sei schlecht, das Leben sei sinnlos, der also befangen ist in Angst. Gut und Böse sind aber keine Kategorien, die dem Menschen zugänglich sind. Man kann nicht Gut sein wollen, ohne an ein Böses zu glauben. Man kann nicht Gut sein wollen, ohne letztendlich der eigenen Ganzheit zu misstrauen. Besser ist es, man erkennt die Fluchbotschaft, die die Menschheit verdirbt, als den Satz: „Orientiere dich daran, ob du angenommen wirst und gefällst!“ Wenn der Mensch im Rahmen dieser Ausrichtung keinen Gefallen findet, kein Angenommen Sein wie er es erhofft, entsteht Hass, da aber, wo der Mensch auf diesem Wege angenommen und „erfolgreich“ ist, entsteht Hochmut. Das in der eigenen Natur, was man überwunden hat, verachtet oder bemitleidet man im anderen. Mit dem Hochmut entsteht die Verachtung für „Zurückgebliebene“ oder Mitleid, das oft der Selbststilisierung zuzurechnen ist.- „Böse-“ oder „Gutsein“, wird heute nicht mehr moralisch gesehen, sondern in Form von genügend oder zu wenig erbrachter Leistung. -

Man „turnt“ also einem anderen seine Lügen vor. Dieser andere kann ein Mensch oder auch eine Idee, eine Ideologie, ein Glauben sein. Nun ist man selber Verlockung und spornt andere an. Aber man steht vor sich selber als Feind. Man bekämpft sich und schafft aus dem Genuss der Selbstverleugnung Fremdverleugnung, Fremdbewunderung: gesellschaftlichen „Wert“. Die moderne Leistungsgesellschaft ist eine Folge dieses Selbsthasses. Sie fordert von jedem einzelnen, irgendwelchen Zielen nachzulaufen, um Anerkennung zu finden. Die Hektik der wechselnden Trends ist eine Folge der permanenten Umwertung. Jeder Weg der Selbststilisierung beinhaltet eine Orientierung an scheinbar absoluten Größen, weil nur so „Positionen“ erkämpft oder verloren werden können. Solange ein Mensch sich in einem Wertesystem orientiert, das es ihm nicht gestattet, ohne Schuld- oder Versagensgefühle aus den Anforderungen auszuscheren, ist er nicht in der Lage Anderes zu erkennen, als die Bedingungen, die ihn an seine verfremdete Wahrnehmung fesseln. Innerhalb eines bestimmten Wertekanons ist das eingebundene Ich, das Bejahung erhofft, um Angst zu binden, nicht in der Lage, das eigene „unfreie“ Handeln zu erkennen. Denn diese Erkenntnis würde ja voraussetzen, dass es aus seinem geltenden Wertekanon ausscheidet, also die „Schnüre“ lösen würde, mit denen es das eigene Selbstbild vor den Spiegel der Selbstwahrnehmung befestigt hat.

Da durch den Verlust dieser Verankerung das momentane Selbstbild zerfällt, um eine große Orientierungslosigkeit zu hinterlassen, giert das Ego danach, in seiner „Wahrheit“ zu bleiben, auch wenn es absurden Wertigkeiten gehorcht. Das gebundene Ich giert nur nach Nahrung für sein Selbstbild. Im Rahmen seines Werts findet es Orientierung.

Da, wo narzisstische Werte Verdrängung erfordern, wird der verdrängte Teil als Hass wiedergeboren. Die erfolgreichsten Leistungsgesellschaften zeugen im Innern den größten Hass. Für den Einzelnen gibt es nur einen Weg, zu sich selber zu finden. Nur die vollkommene Gleichgültigkeit gegen jede Form einer Niederlage, erlaubt die Freiheit des unbefangenen Blicks.

 

Die einsamste Stunde

Es ist stumm geworden um die Menschen, die das Universum erfühlen. Der Marktschrei hat zuletzt auch die Welt der Erkenntnis erobert.

Unter den Vielen ist der Geist verstummt...!

 

„Die seelischen Türen schließen gegen den Lärm, gegen den anbrandenden Ozean aus Schmutz und Gewöhnlichkeit! Spürst Du die Stille wachsen?“

 

Erkenntnisse nennen Sie Ihre flach schürfenden Beobachtungen. Sie durchdringen immer fernere Welten, aber das Unerklärbare vor ihren Augen bemerken sie nicht. Ein Vorgang wie der Akt des Gebärens, ein metaphysisches Erlebnis wie das Sterben scheinen aus der Abstraktion betrachtet banal. Aber dort ruhen die großen Geheimnisse...und Wunder!

 

Die wahre Erkenntnis erfolgt in der Stille, in stummen Momenten in denen der Geist zu den Sternen findet, in denen die schwarzen Löcher als Spiegel gefühlt werden.